Veröffentlicht in Gedichte und so

Das mit dem Schreiben

Ich habe früher sehr viel geschrieben; Briefe, Tagebücher, Songtexte, Gedichte. Damals war es so, dass Buchstaben und Tinte auf Papier für mich einen enormen Realitätsfaktor hatten. Wenn ich geschrieben habe wurden meine Monster real, haptisch, fassbar, echt, überschaubar, weniger gruselig, kleiner, harmloser. Als ich älter wurde und mehr und mehr für Schule und Uni schreiben musste, verloren die Worte an Bedeutung. Das Geschriebene wurde leer, es half nicht mehr.

Mir fehlt das Schreiben. Also das Schreiben von Früher. Vielleicht war es auch leichter, weil die Probleme noch nicht so komplex waren, da war es eher schwarz und weiß und nicht so viele Grautöne und andere Farben, die es so schwierig machen, mich auszudrücken.

Ich habe diesen Blog ja gestartet um mehr zu schreiben, über alles, was mich bewegt und worauf ich Bock habe. Heute möchte ich einen Poetry Slam Text mit euch teilen. Ich war in meinem Leben auf zwei Poetry Slams. Den einen habe ich gewonnen und am zweiten nahm ich Teil, da ich den ersten gewonnen hatte. Beide Male gab es ein Thema, der zweite war nicht so gut, den werde ich euch nicht zeigen, aber den ersten mag ich immer noch sehr. Hier ist er. Vom 4. September 2012. Ich habe nur teilgenommen um mich wieder zum Schreiben zu zwingen… und das Thema Flohmarkt hat einfach gepasst. Viel Spaß!

Der Flohmarkt der Gefühle

Auf dem Flohmarkt der Gefühle
stehe ich und wühle
ich suche nach Erinnerungen
nach dem, was einmal war
ein Bild
ein Duft
ein Gegenstand
lag einmal da
in meiner Hand
vor langer Zeit
noch vor dem Neid
der dann geschlichen kam
und mir mein Lächeln nahm

Ich fragte ihn warum
warum in aller Welt
doch da haben sich plötzlich alle
seine Freunde dazugesellt
die Habgier und die Eifersucht
der Unmut und der Zweifel
die Bitterkeit, die Abneigung
die Angst und der Hass
da standen sie um mich herum
und lachten sich krumm
Das haben die andern auch alle gehört
und es hat sie betört
sie eilten herbei
sie kamen von überall her
einige von fern, doch die meisten von hier
in mir
ich kannte sie schon

Die Trauer und die Wut
Freunde aus alter Zeit
legten mir Tränen in die Augen
ich wollte dem Selbstzweifel
eine antike Hasstirade über den Kopf ziehen
aber er war schneller
Freude und Mut zogen sich zurück
als die Angst ihnen drohte
doch die Eifersucht und die Bitterkeit
hatten Bock auf einen Fight
und so schlugen sie sich alle
es war ein Chaos sondergleichen

Wie versteinert sah ich zu
bis plötzlich die Vernunft auftauchte
und RUHE fauchte
Da wars vorbei
Ich öffnete die Augen
die ich vor Schreck geschlossen hatte
Und da stand vor mir ein Wesen
strahlend in allen Farben
doch übersät mit Misshandlungsnarben

Es war meine Intuition
mein Bauchgefühl
die mit beiden Händen meine umschlossen hielt
und als alle anderen sich entfernt hatten
öffnete sie ihren Griff
und in meinen Händen lag
zerknittert und geschunden
ein kleines, winzig kleines Ding
sie hatte es gefunden
ich hatte es verloren

Ich verstand nicht was es war als ich es fing
und als es verschwand
ja, da war es halt weg das Ding
doch jetzt weiß ich und erzähl es allen
es war mein Glück
das mir in die Hand gefallen
ein Gegenstand
ein Duft
ein Bild

Jeder hat sein ganz eigenes
nimm es in die Hand und pfleg es
aber bitte schütze es
vor dem Gewühle
auf dem Flohmarkt
der Gefühle

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